Landgastschreiber

Roman Ehrlich in Irsee

Gastland-Ableger

+++ Mitteilungsblatt, Logbucheintrag +++ Schlechtes Wetter, wütende See +++ Zerbrechliche Habseligkeiten vorsorglich angurten! +++ Aller Ausfahrt ist schwer +++ Sail away, dream your dreams! +++

Schrottstrudel auf südwestbayrischen Almwiesen entdeckt.

Und wer macht des jetzt weg?

Bürgerinitiative Green Seas: Übersteigt unsere Kapazitäten.

»Der Wind machte sich schwerer, als man erwartet hatte. Die Oberfläche des Wassers verwandelte sich in ein zerklüftetes Gebirge. Milchige Ströme gepeitschter Flüssigkeit jagten von den Kämmen und Gipfeln zutal, verdichteten sich zu der Materie, die sie waren und überfluteten das Schiff. Allmählich war eine unbändige Bewegung in den hölzernen Bau gekommen. Die Landschaft der Kräfte war nicht mehr zu überschauen. Ohne jedes Schamgefühl kam die See über die Reling. Das Gebirge floß heran. Oder das Schiff tauchte sich anspringend hinein. Es gab Schläge, gegen die die Menschen den Willen zur Erhaltung nicht aufbrachten. Das war, wenn das Wasser blank sich auf das Schiff warf und es hinein drückte in die unheimliche Dichte der flüssigen Urwelt. Niemand erinnerte sich hinterher, daß die Wasserstürze mit prustendem, trommelndem Lärm herangeritten kamen. Das Zittern des mißhandelten Fahrzeuges spürte man nur wie einen züngelnden Strom im Mark der Knochen. Die Haut war eisig, die Lungen hatten Mühe, gegen den gewaltigen Sog der Luft zu atmen… Die Berechnungen eines unbarmherzigen Geistes waren zunichte gemacht. Die Natur war da. Allüberall. Die Bewegung verdichtete sich zu einem ehernen Schöpfungsablauf… Der Kapitän genoß die Freiheit, ohne Vormund Führer des Schiffes zu sein. Er wünschte sich, der Sturm möchte andauern.« 

KAPITEL EINS – It is time, oh ho, it is time…

Ein schwerer Sturm wirft Regen und Gischt gegen die zugeschraubten Fenster des Landgastschreiberzimmers und verunklart die Sicht auf die grüngrauen Hügel draußen. Den ganzen Tag über muss unter Kunstlicht geschrieben werden. Der LGS denkt, extremes Wetter müsste doch auch extreme Gedanken begünstigen. Er muss aber feststellen, dass in ihm vor allem eine extreme Abwesenheit von Sprache ist. Von Sinn und Form. Eher ein Überlassungswunsch, eine gefährliche Verlockung, sich dem, was da draußen tobt und gurgelt und das Gebäude, in dem der Landgastschreiber sitzt, hin und her stößt, ohne Gegenwehr hinzugeben.

Auf dem Außenbalkon vor dem Landgastschreiberzimmer rollen schaumige Pfützen über den grünlackierten Stahl. Der Schreiber hört das hektische Läuten von Kuhglocken und glaubt, ihm soll ein Signal gegeben werden. Aufwachen? Aufstehen? Sitzenbleiben? Immersionsanzug anlegen und zum Sammelpunkt? Abandon Ship!? An Konzentration ist nicht zu denken. Der Landgastschreiber erhebt sich, durchmisst den Raum mit weichen Knien, öffnet die Tür auf den fensterlosen Flur und tritt hinaus ins kalte Licht der Leuchtstoffröhren. Er riecht Industrieputzmittel auf Linoleumfußboden, sieht die Bewegung, in die der mächtige Sturm das Gebäude versetzt, an den Bilderrahmen an den Wänden, die synchron und sehr rhythmisch von der einen Seite auf die andere schiefgerückt werden. Er denkt, dass hier draußen wirklich gar keine tageszeitliche Verortung mehr möglich ist. Eine Weile ist es still bis auf das dumpfe Fauchen des Sturms und das tief aus dem Gebäudeinneren herauftönende Wimmern der Wände, Schrauben und Schweißnähte. Kein weiteres Signal ist zu vernehmen.

Am anderen Ende des Flurs öffnet sich die Tür eines anderen Landgastschreiberzimmers. Der Schriftsteller Vladimir Nabokov erscheint aus der Öffnung, in knielangen Shorts, beigefarbener Polyesterjacke, einer leuchtend weißen Schirmmütze und mit einem Schmetterlingsnetz unter dem Arm, setzt vorsichtige Schritte auf das Linoleum und geht so bis an die schmale Außentür heran, die den Flur mit dem umlaufenden Stahlbalkon verbindet. Er blickt durch das kleine, von Regen und Spritzwasser sicherlich vollkommen undurchsichtig gewordene Bullauge in der Tür und sagt:

»Aujourd’hui je n’attraperai rien.«

Der Landgastschreiber versteht leider kein Französisch und weiß nicht, was er dem Schriftsteller antworten soll. Er entscheidet sich für den Gang hinab in die unteren Stockwerke des Stahlgebäudes, um nach weiteren Zeichen Ausschau zu halten.

Im Maschinenraum begegnet der Landgastschreiber dem üblichen Geschrei und Hantieren an Hebeln, dem Geruch von heißem Schweröl und Schmierfett. Er wird gar nicht bemerkt von den schwitzenden Arbeiterinnen mit den Gehörschützern über den Ohren und weiß schon nach wenigen Sekunden, dass seine Anwesenheit hier keinen Unterschied macht.

Ganz vorn, im spitz zulaufenden Rumpf unter Deck, zwischen den massiven Ankerketten und im Lärm der außen aufschäumenden Bugwellen, sieht der LGS den Schriftsteller W.G. Sebald eine hoffnungslose Partie Tischtennis gegen einen hochroutinierten Öler spielen, auf einer beständig hin und her wankenden Platte, die jeden Ball unberechenbar macht. Der Landgastschreiber denkt, dass es auf dem Meer keine Bewegung gibt, die sich nicht in der nachfolgenden auflöst, und dass diejenigen, die auf ihm nach Spuren der Geschichte suchen, auf der Verliererseite der Platte stehen müssen, wo ihnen beständig die Bälle um die Ohren gehauen werden.

Weiter oben im Gebäude, bei vor die Fenster gezogenen Vorhängen und ebenfalls unter Kunstlicht, sieht der LGS ein paar Crewmitglieder auf dem schwankenden blauen Teppichboden im Aufenthaltsraum ein völlig unsinniges Murmelspiel  spielen, in dem alles laufend durcheinanderrollt und nie lange genug an einer Stelle verbleibt, um anvisiert zu werden. Ein paar Anstreicher sitzen aufgereiht auf einem der Sofas an der Wand, mit zerknautschten Pappbechern in den Händen, beobachten das Spiel und lachen ein betäubt betrunkenes, erschütternd lebloses Lachen in den Raum hinein. Der Landgastschreiber erinnert sich an den Lyriker, Leser und weisen Lehrer Seymour Glass, der als Zehnjähriger an einem frühen Abend in New York, bei besonders goldenem Licht und milder Luft, aus dem Haus auf dem Bürgersteig tritt und seinem gegen ein Nachbarskind um Murmeln spielenden Bruder Anweisung gibt, zu versuchen, »nicht so sehr zu zielen«. Weil der Bruder, wenn er sich so auf das Zielen konzentriere und darauf, die Murmel des anderen treffen zu wollen, am Ende sehr froh darüber sein würde, wenn er die Murmel wirklich traf und also insgeheim davon ausgegangen sei, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass er sie nicht treffen würde, dass er vielleicht grundsätzlich jemand sei, der nicht so gut werfen könne oder beim Murmelspielen eher auf der Verliererseite stehen müsse.

Idealerweise, denkt der LGS im Aufenthaltsraum der Crew, lautet der Subtext der Anweisung Seymours, sollten die Murmeln ganz unverkrampft, unbewusst, beiläufig und ohne Selbstbeobachtung und Selbstbewertung geworfen werden. Das Treffenwollen des Bewusstseins, das sich belohnen möchte mit dem Selbstbild eines richtig guten Werfers, steht dem guten Wurf im Weg und verhindert, dass die Hand einfach so tut, was sie kann. Der Landgastschreiber denkt, dass auch der Gedanke, der unter Selbst- und Fremdbeobachtung verfertigt wird, unter der Frage, ob er ein kluger Gedanke ist, der den Denker als schlauen Schreiber ausweisen würde, nie wirklich treffen kann, weil ihn das Wollen vom Ziel abgelenkt hat.

Als das Wasser an den Fensterscheiben des Landgastschreiberzimmers hinabgeronnen ist und die Regenwolken weitergewandert sind, wird der Blick wieder frei vom Haus am Hang auf die Mühlstraße, die alte Säge, den Forstanger und die Marktstraße, auf der die Busse der Verkehrsgesellschaft Kirchweihtal ihre Passagiere nach Kaufbeuren, Kleinkemnat und Obergünzburg bringen. Das Dorf ist kein Schiff, denkt der LGS, als er sich von seinem Schreibtisch erhebt, die Balkontür öffnet und nach draußen tritt, wo es frisch nach Regen riecht, nach nassem Gras und nassen Dachziegeln, die in der Sonne trocknen. Auch wenn es in seiner unausweichlichen Enge eine Art Fortführung ist von Familie, Schule, Arbeit, also von den anderen sozialen Räumen, in denen man sich auch nicht aussuchen kann, mit wem man sie teilt und mit wem man sich auseinandersetzen und arrangieren muss, ist es doch in alle Richtungen von der Freiheit umgeben, auszufahren und wieder heimzukommen.

DAGLAMA-RAMA

+++ Mitteilungsblatt, Rätselseite +++ Das große Landgastschreiber-Anagramm-Mashup! +++ Alle sind herausgefordert! +++

Beiträge an info@landgastschreiber.de oder direkt über die Kommentarfunktion

LGS:

DER RISS LACHT BANGE – GRABSCHAENDERLIST – DER RACHENBASS GILT – ARD BRINGT SEELACHS – B SANG LIED ERRATISCH – CHER GAL B STREISAND – LGS TREIBSANDARCHE – ERBE ALS GISCHTRAND

B:

BERLINS GASTDRACHE – LANG IST BERDS RACHE – BRANDSCHATS-GEILER – SCHLANDGASTREIBER – GRAND ASBEST ERLICH – ERSTLINGS RACHEBAD – RB SCHANDLASTGEIER

L’invité

+++ Mitteilungsblatt, Gastbeitrag +++ Was ist Ihr liebstes Urlaubsziel? +++ Immer mehr Fälle von subjektiver Destitution in deutschen Ferienwohnungen +++ Komm schon, Herr Jesus! +++

»Ein kleines Krebstier tippelt über den Strand. Es findet eine Muschel und schlüpft hinein. Das neue Haus nötigt dem Krebstier ein anderes Gehen auf. Auch die Fährte im Sand ist jetzt eine ganz andere.«

»In a radical atheist universe, you are not only responsible for doing your duty, you are also responsible for deciding what is your duty. There is always in our subjectivity, in the way we experience ourselves, a minimum of hysteria. Hysteria is the way we question our social symbolic identity, a question addressed at the authority which defines my identity. It is: why am I what you are telling me what I am?«

KAPITEL EINS – Mein Leben als Gast

Der Landgastschreiber erwacht frühmorgens in einer großen Verwirrung. Wo bin ich überhaupt wer wann warum? Er steigt aus dem Bett und zieht die Vorhänge zur Seite. Draußen sickert schwaches Dämmerlicht durch einen tiefgrauen, dichten Nebel, aus dem nur die unmittelbar benachbarten Häuser herausragen. Als wäre der ganze Rest der Welt so früh am Morgen noch nicht ausgestaltet, hochgeladen oder fertig vorgestellt.

Der verwirrte LGS erinnert sich, beim Schauen in den Nebel, wie er einmal als Kind bei einem Schulfreund übernachtet hat und wie er da auch sehr früh morgens aufgewacht ist und ihn die räumliche Verwirrung sehr verängstigt hat. Wie er aufgestanden ist und durch die dunkle Wohnung der Familie des Schulfreundes leise schluchzend hindurchgestolpert ist und in der Küche die Mutter des Schulfreundes angetroffen hat, die an einem geöffneten Fenster Zigaretten rauchte und Kaffee trank und ihren Rauch nach draußen blies, wo es ganz grau und undurchsichtig war wie vor dem Fenster jetzt. Und dass das Kind, das der LGS damals war, dachte, dass es der Rauch war, den die Mutter seines Schulfreundes die ganze Nacht über aus dem Küchenfenster geblasen haben musste, der da jetzt draußen so trübgrau stand und die Sicht auf den Ort verdeckte.

Die Familie des Schulfreundes des Landgastschreibers lebte noch nicht lange im Land und die Mutter des Schulfreundes sprach die Landessprache nur gebrochen und fehlerhaft, wofür sich der Schulfreund schämte, weshalb er in ihrer Abwesenheit beleidigende und respektlose Dinge über sie sagte, die ihn aber sofort selbst sehr traurig machten. Die Mutter des Schulfreundes fragte den Landgastschreiber, als er schluchzend in der Tür zur Küche stand, an deren Fenster sie saß und rauchte, ob er »falsch geträumt« habe. Und das Kind, das der LGS damals war, dachte sofort, dass das doch schlecht heißen muss und nicht falsch und beruhigte sich von diesem Gedanken sofort, hörte auf zu weinen, nickte und beobachtete die Mutter des Schulfreundes, die nach draußen in den Rauch vor dem Fenster schaute und sagte: »nicht schlimm«.

Der Landgastschreiber korrigierte die Mutter des Schulfreundes nicht. Er ging zurück ins Wohnzimmer, wo für die Kinder ein Matratzenlager ausgebreitet worden war, und legte sich wieder hin. Ihm war durch die Frage der Mutter klar geworden, wo er war und wer und wann. Bis der Schulfreund aufwachte und die Vorhänge im Wohnzimmer aufgezogen wurden, lag er wach auf dem Matratzenlager und fragte sich, ob die Mutter vielleicht selbst falsche Träume gehabt hatte und deshalb die ganze Nacht am Fenster rauchte, anstatt zu schlafen. Und ob die traurigen Beleidigungen seines Schulfreundes auch etwas mit diesen falschen Träumen zu tun hatten.

Gegen Mittag ist der Nebel vor dem Fenster so weit zurückgewichen, dass der LGS wieder die gesamte Häuserflucht der Mostackerstraße hinabschauen kann, bis zu dem Punkt, wo sie auf den Schützengraben trifft und von wo eine ausgestorbene Einkaufspassage durch ein paar Wohnhäuser hindurchführt, Abkürzung Richtung Spalentor und schlechtgelegener Standort der Bierbar Pinguin, in der nie jemand sitzt und ein riesiger Gastwirt behutsam Biergläser aus aller Herren Länder poliert. Die Getränkekarte des Pinguin ist ein dicker Leitzordner mit Klarsichtfolien und detaillierten Informationen zu regionalspezifischen Brautraditionen. Der Gastwirt ist ein starker Raucher und empfindet das Gebot, seinen potentiellen Gästen ein dem Gastraum ausgelagertes Separée zum Rauchen anbieten zu müssen, als Geißelung seiner Freiheit.

Der Landgastschreiber ist nur vorübergehend da. Er tut, was das mittlere Substantiv seiner Positionsbezeichnung suggeriert: er hört und schaut anderen dabei zu, wie sie ihre Haltungen und Standpunkte beziehen und ihre Rollen bekleiden – jeweils aus der relativen Sicherheit heraus, zu wissen, wer sie wo wann und warum sind und in welchem Verhältnis sie zu den Geboten und Gesetzen stehen, die an ihren Standorten gelten. Und er fragt sich, ob die Träume, die sie an ihren Standorten träumen, mitunter falsche Träume sein können, die sie so sehr verwirren, dass sie nicht mehr bestimmen können, wer sie wo sind und welche Welt hinter dem Nebel zum Vorschein kommen muss, wenn er sich legt.

Der Landgastschreiber fragt sich außerdem, ob ein Schreiben unter Beobachtung vom Leben handeln kann, als er in die Straßenbahn steigt, die ihn nach Oggenried bringt, zum Vitalis-Sportcenter, wo er eine Trainerstunde in der Tennishalle gebucht hat. Der Trainer, der ihn dort begrüßt, ist ein alter Schweizer mit gelbem Schnurrbart, der vor der Stunde noch rasend schnell zwei Zigaretten in Kette raucht und sich nachher trotzdem sehr leichtfüßig bewegt und zu keinem Zeitpunkt außer Atem kommt. Der rauchende Trainer fragt den LGS, was er denn so beruflich mache und erwidert dann auf die sehr umständliche Antwort, die er bekommt, dass das doch sehr gut passe, das Tennis sei schließlich ein überaus poetischer Sport, in dem es darum gehe, die Zeit außer Kraft zu setzen und die eigenen Dämonen zu bezwingen.    

     

writing und. ob.

+++ Mitteilungsblatt, Spezial +++ Die Identitäten sind weg! +++ Was bleibt übrig? +++ »Begehren, Interessen und Identifikationen« +++

Pandemiemüde, ausgezehrt, hungrig nach sozialer Interaktion, ziehen die Kunstschaffenden aus den Städten aus, übers Land und auf die Dörfer, auf der Suche nach Geschichten echter Menschen, non-virtueller Kommunikation, den Aerosolen des Erzählens. Aber was wollt ihr denn hier, sagen die Dörfer, auch unsere Gaststätten sind geschlossen, unsere Biere müssen ebenfalls zuhause getrunken werden, auch wir canceln jetzt online und nicht mehr am Gartenzaun. Die Luft ist hier noch immer etwas frischer, man möge sie atmen, ohne ein großes Theater darum zu machen. Die Alpen glühen am Horizont, morgens schimmern die Dächer mattweiß vom Frost der Nacht. Wir treiben unsere Säue nicht mehr durchs Dorf, ihr braucht also gar nicht so erwartungsvoll am Straßenrand herumstehen.

So kratzt man also aus den leeren Töpfen noch das Angebrannte heraus und wird dabei von verschiedenen Instanzen wissenschaftlich begleitet und beobachtet.

Na klar, lieber Ken, Sometimes a Great Notion, aber more often times a great Erschlaffung.

KAPITEL EINS – Statik und Ausblick

Sitzen am Schreibtisch im oberen Stockwerk, Blick über den Hang, Forstanger, Marktstraße. Am Hügel gegenüber windet sich der Sunset Boulevard durch den gleißenden Dunst des Morgens. Der weiße Kuppelbau des Tempels der Self-Realisation-Fellowship, in dem jede Messe mit der dreifachen Schlussformel Om, Peace, Amen beendet wird, ragt klar erkennbar aus der lichthellen Unschärfe heraus. Nach Westen hin der Garten mit den Feigen- und Zitronenbäumen, dem alten faserigen Eukalyptus, dann steil abfallend zur Küste ein paar Dächer und die unbewegten Kronen schlanker Washingtonia robusta.

In Lions Zimmer steht der Schreibtisch am Fenster und ist der Pazifik eine riesenhafte Einladung schauend in ihm das Gefühl für die Zeit, alle Gedanken, alle Vorhaben und Ambitionen zu verlieren. Das Wetter, das landwärts aufzieht, ist am Fensterplatz von weit her schon zu erkennen. Der fabelhafte Regen, der später alle nach draußen vor die Häuser treiben wird, die Köpfe im Nacken und die geöffneten Handflächen himmelwärts gerichtet. Von unten, aus dem Salon, hört der Landgastschreiber den greisen H auf der historischen Kinoorgel der Feuchtwangers seine melancholischen Etüden spielen. Unschätzbar alt, mit tief zerfurchtem Gesicht und leuchtend weißem Crew-Cut, in sehr gerader Haltung, sitzt H in dem kleinen Organisten-Séparée hinter dem Eisentürchen auf der Holzbank und tänzelt mit seinen eleganten Lederschuhen über die Pedale der tiefen Tonlagen. Der alte Mann lebt sehr viel länger als irgendwer sonst im Haus am Hang, in dessen kleinstem Zimmer, das auf dem kleinen Plastikschildchen am Zimmerschlüssel als Schrank mit Aussicht ausgewiesen ist. Der alte H wird von den Jüngeren als »gute Seele« des Hauses bezeichnet, was dem LGS fast schon respektlos vorkommt, eine Art Entmündigungsbeschluss: deine Präsenz ist uns geisterhaft.

Die den Landgastschreiber vor allen anderen gruselnden Kreaturen sind dabei vielmehr die Riesensilberfischchen, die in die Feuchtwangersche Bibliothek eingezogen sind und dort in die Bücher kriechen, um sie langsam von innen heraus zu verspeisen. Der alte Stoff, auf dem sich das Denken konserviert, ist ihnen nahrhaft.

Die eigentlichen Geister im Haus am Hang sind die von Verfolgung, Flucht und Vertreibung, vom unermüdlichen Wiederaufbau des eigenen Lebens anderswo, von der Feindseligkeit gegen freies Wort und freies Denken. Die Geflüchteten treffen sich und diskutieren über die Lage ihrer Herkunftswelten, die in Finsternis versunken oder schon völlig ausgelöscht sind. Beim Blick durch das Feuchtwangerfenster am Hang über den unendlich weiten Pazifik, der selbst zeitlos ist und auf dem jede Spur menschlicher Bewegung nach wenigen Sekunden verschwindet, kommt dem LGS die Filmaufnahme eines alliierten Aufklärungsfluges über die Ruinen der Stadt Berlin, wenige Tage nach Kriegsende, in den Sinn. Und die Stimme eines ranghohen Militärs, der sagt, er wolle sich dafür einsetzen, dass all das nicht wieder aufgebaut wird, sondern als begehbares Mahnmal genau so belassen wie es ist. Euer Faschismus war euer Verderben, nicht euer Wirtschaftswundermotor, sollte das Mahnmal sagen.

Beim Gehen an der Bundesstraße 16 stadtauswärts, Richtung Pacific Coast Highway, entlang der letzten Stadtrandsiedlungen des nördlichen Kaufbeuren, den Nachkriegsreihenhäusern und Garagenbauten in unterschiedlichen Graden der Renoviertheit, erinnert sich der LGS, dass er sich in seiner Herkunfts-Kleinstadt in solchen Nachkriegsreihenhaussiedlungen immer an den kleinsten Indizien von Geschichtlichkeit festgestarrt hatte: aufgeplatzter Putz, Rost an den Garagentoren, Risse und Lücken, aus denen etwas hervorwuchs oder in denen eine besondere Art der Finsternis war. Und dass dieses Feststarren ein sehnsuchtsvolles war, das sich wünschte, dass in den Dingen, die einen umgeben, noch mehr ist als das offensichtlich Gegenwärtige. Geschichte. Das Vergehen der Zeit und seine Spuren (Benjamin Sauters »Fleißnarbe« aus den Ingenieuren der Zeit). Oder dass es mit dem, was da fraglos war, eine absichtsvolle Auseinandersetzung geben könnte.

Die beiden Klosterkirchentürme Peter und Paul werden als erste hinter der letzten Kuppe sichtbar, als sich der LGS von Kaufbeuren her über die staubigen Pfade und durchs vertrocknete Gestrüpp des Topanga-State-Parks hochmüht Richtung Haus am Hang. Und sofort ist auch die Kälte spürbar, die vom Klostergelände und seinen Anstaltsbauten ausgeht. Das Schwarze der Geschichte, das durch keinen Renovierungsaufwand übermalt werden kann, durch keinen wahnsinnigen Verdrängungsaufwand unterdrückt.

Man logiert da jetzt. Aber mal ehrlich, sensibler Temperaturfühler, es hätte ja die gesamte Republik abgerissen werden müssen, wenn man nicht glauben dürfte, dass man die Orte nochmal neu bzw. wieder alt benutzen und bewohnen kann.  

Felder, Schnitte, Blicke

B schickt jetzt immer wieder Texte aus ihrer eigenen literaturwissenschaftlichen Forschung, die auf die Situation hier eigentlich noch besser passen als meine. Denke einmal mehr, dass es sich auch ganz gut mit nichts als den Worten der anderen sagen ließe.

Jürgen Becker:

»Dieser Text demonstriert nur die Bewegungen eines Bewusstseins durch die Wirklichkeit und deren Verwandlung in Sprache. Bewusstsein: das ist meines in seinen Schichten, Brüchen und Verstörungen; Wirklichkeit: das ist die tägliche, vergangene, imaginierte. Sie lesen nur Mitteilungen aus meinem Erfahrungsbereich; das ist die Stadt hier, mein tägliches Leben, die Straße, die Erinnerung. All das reflektiere ich in einer jeweils veränderten Sprechweise, die aus dem jeweiligen Vorgang kommt. So entstehen Felder; Sprachfelder, Realitätsfelder, etc.«

Irsee City Ghosts & Blogposts

+++ Mitteilungsblatt, Sonderausgabe +++ Eilmeldung +++ Landgastschreiber-Unwesen im Ostallgäu +++ Der große Irsee-Roman! +++ Wer sich nicht rettet, wird verwurstet! +++

Aber was schreiben Sie denn da? Und was soll das heißen, »Autofiktion«? Kleinwagenfahrer träumen von SUVs? Tuning beyond Durchführbarkeit? Visionen umweltfreundlicher Mobilität? Ein Werkstatttagebuch?

Oder eher so Abgasskandal, verschlafene E-Wende, der alte Filz der Industrie?

Nun sagen Sie doch mal!

KAPITEL EINS – Ankunft und Abfahrt

Der Landgastschreiber trifft ein, mit verrücktem Gepäck (lunatic’s luggage?), lädt ab, geht einen Gang durchs Dorf, schläft und fährt gleich weiter im gemieteten Auto, zu B in den Schwarzwald, auf die Beerdigung.

Es schneit und schneit in diesem April, auf der Autobahn überholt der Landgastschreiber ein langsam auf der mittleren Spur fahrendes Auto, als von hinten vollkommen irrsinnig schnell einer angeheizt kommt, bis auf einen Meter ranfährt, Fernlicht, wilde Gesten mit beiden Händen, auch dabei hilft der Spurassistent. Der Landgastschreiber macht den Warnblinker an, weil leider keine Lichthupe nach hinten verbaut ist, beendet seinen Überholvorgang, wird selbst vom Irren überholt, der knapp vor ihm einschert und mehrmals die Scheibenwischanlage betätigt, um den Landgastschreiber damit zu beregnen – fick dich, du Schleicher! – schwenkt dann rechts rüber und quer über zwei Fahrbahnen zurück auf seine Dauerüberholspur.

Der wahnsinnige Stress, den es bedeuten muss, so drauf zu sein. Der LGS erinnert sich an einen seiner eigenen Texte aus den Urwaldgästen (Dinge, die sich im Rahmen meiner temporären Anstellung bei der Grinello Clean Solutions ereigneten), in dem jemand durch ein absichtsvolles Ausbremsen eines Dränglers einen Unfall verursacht, dann auf dem nächsten Autobahnparkplatz einen Wartenden in seinem Auto nach einem Handy fragen will, um die Polizei zu rufen, und der ihm erzählt, er komme gerade von einer Sitzung eines Expertenausschusses zur Optimierung der Betriebsabläufe in einer staatlichen Lotterie. Und dass er kurz vor der Sitzung einen Imagefilm der Lotterie im Internet geschaut habe:

»Einmal im Jahr werden die Millionäre aus vergangenen Ziehungen zu sogenannten Millionärstreffen in eine Stadt geladen, wo sie vor laufender Kamera Parfümproben machen oder ein Opernhaus besichtigen, Wein trinken und in teuren Restaurants essen. All diese Lotteriemillionäre waren sehr dick und trugen teuren Schmuck, goldene Armbanduhren und Designerbrillen. Der Imagefilm hat in mir die Überzeugung geweckt, dass es überhaupt keine Millionäre mehr geben sollte. Und das habe ich meinen Kollegen dann auch dargelegt. Heute spielen doch eh nur noch die finanziell schlecht Gestellten unter sich den Aufstieg weniger in eine höhere Gesellschaftsschicht aus. Und ich behaupte: Niemand möchte tatsächlich aus dem eigenen Leben mit einem Katapult herausgeschossen werden.«

Der LGS denkt an den Text, an dem er gerade sitzt, der sehr bald schon fällig ist, an die Familie Conner, um die es da geht, ihren Lottogewinn und die vermeintliche Einsicht darin, dass alles Geld der Welt auch nicht ersetzen kann, was die einfachen Leute von unten ohnehin schon als Reichtum besessen haben: die Liebe zueinander und die Fähigkeit, klar und wahr und unverstellt sie selbst zu sein und so auch zu sprechen. All you need is love, lieber Raser, Stressor, Hater, Unzufriedener, Freudloser, sagt John Lennon, der nachher auf der Beerdigung noch nachklingt, als Jacky Terrasson seinen Song singt: »Oh my love for the first time in my life my eyes are wide open… I see the wind, oh, I see the trees, everything is clear in my heart. I see the clouds, oh, I see the sky, everything is clear in our world« – während der fabelhafte Friedwaldförster auf sehr zärtliche Weise zur Musik die Erde ins Grab schaufelt.   Dann wieder zurück über Landstraßen und Autobahnen. Schneeregen, wild fahrende Scheibenwischer, ungeduldige Fernfahrer. Einzug in die Unterkunft am Hang. Auf dem Hügel gegenüber, über Mühlstraße und Via Dolorosa erreichbar, die Grabeskirche, Herr Jesus, vor der der Landgastschreiber einst in der Jerusalemer Altstadt ungläubig gestanden hatte und nicht begreifen konnte, wie so viel Wut und Hass und Feindseligkeit sich auf so wenig Raum an alten Steinen entzünden konnte.

Der LGS hat es schon vernommen: auch hier im Ort herrscht der alte Konflikt zwischen Alten und Neuen. Wer bestimmt die Stimmung? Die zuerst da waren oder die Hinzugekommenen?

Gast im Zeichen von Corona

Als wir vor anderthalb Jahren begannen, den Aufenthalt unseres literarischen Gastes zu planen, war Corona zwar schon in der Welt – doch keiner von uns hätte gedacht, dass dieses Virus das Leben hier im beschaulichen Allgäu, in Deutschland, in Europa, der ganzen Welt derart bestimmen würde.

Landgastschreiber zu sein bedeutet, zu einem Arbeitsaufenhalt nach Irsee zu kommen. Viele Autor_innen erhalten die Möglichkeit eines Stipendiums als Stadtschreiber_in, manche verschlägt es auf Schlösser oder in Türme, während der Landgastschreiber seinen Schreibaufenthalt im Dorf verbringt. Das ist in Zeiten der Corona-Pandemie zwar schwierig, aber in jeder Hinsicht möglich.

Roman Ehrlich wird also in wenigen Tagen kommen. Wir freuen uns darauf!

Sylvia Heudecker, Schwabenakademie

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