im Rahmen des Bundesprogramms „Und seitab liegt die Stadt“

Jahresthema 2021 „Landschaft“

Initiative der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Literarischen Colloquiums Berlin zur Förderung von Sprache und Literatur im ländlichen Raum

 

Schreiben in der Provinz: Konzeption eines Projekts

Viel ist bereits darüber nachgedacht worden, wie das Schreiben eines literarischen Textes funktioniert und wie sich dieser Vorgang, die Schreibszene, im Nachhinein aus abgeschlossenen Büchern und Manuskripten rekonstruieren lässt. Dieses Projekt allerdings, das die Schwabenakademie Irsee mit der Studienleiterin Dr. Sylvia Heudecker in Kooperation mit Prof. Dr. Günther Kronenbitter (Europäische Ethnologie, Universität Augsburg), Prof. Dr. Klaus Wolf (Germanistik, Universität Augsburg) und Dr. Kay Wolfinger (Germanistik, Ludwig-Maximilians-Universität München) durchführt, ist eine Innovation. Roman Ehrlich wird als „Landgastschreiber“ (Writer in Residence) die Zeit von Anfang April bis Mitte Mai an der Schwabenakademie Irsee verbringen. Damit lässt er Berlin, die Großstadt und Literaturmetropole, hinter sich, um seine schriftstellerische Arbeit im Allgäu, an der geographischen Peripherie fortzusetzen. Er tauscht seinen Wohnort gegen ein Dorf mit gut 1.500 Bewohnern, das inmitten der typischen Allgäuer Voralpenlandschaft liegt. So ändern sich die Koordinaten des Schaffens von Roman Ehrlich paradigmatisch. Welche Folgen dies für die konkrete literarische Produktion hat, bildet den Fokus der Forschungsvorhabens „Writing under Observation“.

Das Jahresthema „Landschaft“ der Bundesförderinitiative setzt den motivischen Rahmen. Das sechswöchige Eintauchen des Autors in einen ländlichen Kulturraum mit spezifischen Strukturen sorgt nahezu zwangsläufig für vielfältige literarische Anregung. Der interessierten Öffentlichkeit vor Ort, in der Region und weit darüber hinaus bieten verschiedene Veranstaltungs- und Medienformate die Möglichkeit zur kontinuierlichen Teilnahme am Projektgeschehen.

Ein online Blog mit Texten, Interviews, Fotos und Videos bietet die Gelegenheit, täglich Einblick in den Schreibprozess von Roman Ehrlich zu gewinnen. Dieser Teil des Projekts wird wissenschaftlich begleitet. Daneben wird der Autor das literarische Leben der Region bereichern durch Auftritte in Büchereien, Schulen oder renommierten Veranstaltungsreihen wie dem Allgäuer Literaturfestival.

Das geförderte Projekt ist inovatives Literaturforum im ländlichen Raum und Forschungsvorhaben in einem.

Vorgehen und Ziele

Mit einem Team von Dozenten und ausgewählten Studierenden aus München und Augsburg werden wir das Forschungsvorhaben „Writing under Observation“ realisieren. Wir werden mit dem Autor in Austausch über seine tägliche literarische Produktion treten, um diese einer Analyse zu unterziehen, und mit einem online Blog die Entstehung eines neuen Werkes begleiten, gewissermaßen live darüber berichten, was passiert, wenn der Autor in dieser kreativen Klausur wie in einer Laborsituation unter Beobachtung steht. Genutzt werden Text-, Bild- und Videomaterial. Wir versprechen uns von diesem Experiment nichts weniger als die Verbindung von sonst einander ausschließenden Dingen, eine Beobachtung des sonst Unbeobachtbaren. Wir denken darüber nach, wie Literatur im Medienzeitalter und in dieser Beobachtungssituation überhaupt entstehen und wie sie interpretiert werden kann. „Writing under Observation“ macht das literarische Schreiben zu etwas Beobachtbarem. Herkunft und Ursprung eines Textes werden so in einer einmaligen Situation literaturwissenschaftlich unmittelbar zugänglich.

Die Kooperation zwischen drei universitären und zwei Kulturinstitutionen schafft Syner­gieeffekte und ermöglicht Transferprozesse ins jeweils andere Feld. Schwabenakademie Irsee und Literaturschloss Edelstetten stehen für Literaturvermittlung im bayerisch-schwäbischen Raum. Die Schwabenakademie Irsee als Einrichtung der öffentlichen, allgemeinen Erwachsenenbildung verfolgt dabei das Ziel, ein möglichst breites Publikum aus Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen für zeitgenössische Literatur zu gewinnen. Schreibimpulse gehen von persönlichen Begegnungen vor Ort mit Landwirten, Naturkundlern, Kunstschaffenden u.a. aus, erwachsen aber auch aus Eindrücken bei Exkursionen in die nähere Umgebung (Stichworte: Biberreviere, Waldumbau, Allgäu-Tourismus). Auch hier ist „Landschaft“ Fixpunkt. Die Marktgemeinde Irsee und weitere regionale Institutionen beteiligen sich an der Planung und Realisierung dieses Programmbausteins; nach Rücksprache mit den Beteiligten können Interessierte an den Terminen teilnehmen. Ob unmittelbare Literaturgespräche oder Präsenzlesungen angesichts von Corona stattfinden können oder ob der Austausch zwischen Autor und interessierter Öffentlichkeit vornehmlich digital sein wird, ergibt sich im Lauf des Aufenthalts.

Trotz aller pandemiebedingten Einschränkungen ist „Writing under Observation“ zugleich Forschungsprojekt und innovatives Literaturforum im ländlichen Raum.

Antragstellung und Projektkoordination: Schwabenakademie Irsee

Die Schwabenakademie ist Mitglied im Bayerischen Volkshochschulverband und erfüllt als vhs-Akademie Aufgaben der Erwachsenenbildung nach EBFöG. Die Veranstaltungsangebote sind überregional ausgerichtet, sie sind konzipiert für ein bildungsaffines Publikum mit den thematischen Schwerpunkten Literatur, Philosophie, Kunst- und Kulturwissenschaften und Geschichte. Aufgabe der Schwabenakademie ist es, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu bedienen. Dazu veranstaltet die Institution (internationale) Tagungen für eine allgemeine Öffentlichkeit, außerdem gibt sie Buchreihen heraus (Verlage: Michael Imhof, Kohlhammer, UVK). Literatur- und Kunstförderung finden durch Festivals (Allgäuer Literaturfestival, Literaturfestival Nordschwaben), Veranstaltungen mit Förderpreisen (Irseer Pegasus, Meckatzer Kunstpreis, Josef-Guggenmos-Preis für Kinder- und Jugendliteratur), interdisziplinäre Veranstaltungen (Schwäbischer Kunstsommer) und Ausstellungen (jährlich BBK-Ausstellung) statt. Die Projekte werden in Kooperation mit Hochschulinstitutionen sowie öffentlichen und privaten Einrichtungen realisiert. Dabei stehen Austausch und gegenseitige Förderung im Netzwerk im Vordergrund. Die Arbeit der Schwabenakademie wird umfassend durch Drittmitteleinwerbung ermöglicht. Die Veranstaltungen der Schwabenakademie Irsee finden im historischen Ambiente des ehemaligen Benediktinerreichsstifts Kloster Irsee im Allgäuer Voralpenland statt, heute Schwäbisches Tagungs- und Bildungszentrum.

Der bayerische Bezirk Schwaben unterstützt den Aufenthalt des 1. Landgastschreibers in Irsee nachhaltig. Verantwortlich für das Literaturprogramm der Einrichtung zeichnet Dr. Sylvia Heudecker.

Kooperationspartner

Interaktivität mit den Studierenden, Nachhaltigkeit und Output des Projekts

Durch das Ineinanderfließen des Literaturprojekts und der universitären Lehre in drei Seminaren wird deutlich, dass es uns als Projektgruppe um die Beobachtung des literarischen Schreibens in einem wissenschaftlich gerahmten Schreibaufenthalt geht und dass vor allem die Studierenden selbst wichtige Akteuren im Projekt sind. Deren Rolle wird sein, die Genese und die Produktionsbedingungen von literarischen Texten unmittelbar beobachten und reflektieren zu können. In wöchentlichen Sitzungen wird mit dem Autor kommuniziert und von den Seminarleitenden – vorab didaktisch aufbereitet – thematisch durch die aktuelle Schreibphase Roman Ehrlichs geführt. Die im Anschluss daran entstehenden Essays, Kurzaufsätze und Interviews mit dem Autor werden in einem regelmäßig aktualisierten Blog für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht.

Das Projekt „Writing under Observation“ erhält somit auf mehreren Ebenen für die Studierenden, die Lehrenden, den Residenzautor, das Projekt, für die Region Irsee im Allgäu und institutionell für die Schwabenakademie und die Universitäten Augsburg und München eine relevante, nachhaltige Wirkung, wie sie sonst in literarischen Veranstaltungen und universitären Seminaren nur schwer erreicht werden kann.

Nach Abschluss des Projektes wird von allen Beteiligten und Seminarteilnehmenden gemeinsam eine Nachbereitung stattfinden und eine schriftliche und visuelle Dokumentation erstellt. Aufgrund geplanter und bei wissenschaftlichen Tagungen untergebrachter Vorträge und Aufsätze, die dieses Pionierprojekt verhandeln, wird zusätzlich dafür gesorgt, dass die Folgewirkung garantiert und der Mehrwert eines Schreibaufenthaltes unter Beobachtung fixiert werden.

Gegenwartsliteratur und Literaturbetrieb

Vorarbeiten zu diesem hier skizzierten Projekt lassen sich in den bisherigen Arbeiten von Dr. Kay Wolfinger (Germanistik, LMU München) finden, der mit der hier dargestellten Idee an die Schwabenakademie Irsee herantrat. Der Autor Roman Ehrlich war nicht nur bereits 2017 in einem Proseminar über Gegenwartsliteratur zu Gast, sondern es besteht das am Institut für Deutsche Philologie durchgeführte Projekt „Literaturbetrieb-Szenen“, das aus den Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert wurde. Dieses widmet sich der Analyse des Literaturbetriebs sowohl aus einem experimentellen, exkursiven Charakter heraus, indem es die Institutionen des städtischen Literaturbetriebs in der Lehre widerspiegelt, als auch die Seminarsituationen aufbricht und nach außen in den Dialog tritt. Aus dieser Motivation heraus entwickelte sich auch „Writing under Observation“; es ist der ideale Versuch, interdisziplinär und universitätsübergreifend mit Akteuren des Literaturbetriebs zusammenzuarbeiten und die Dynamik des Entstehens gegenwärtiger Literatur sowohl für das Lesepublikum als auch für die Wissenschaft fruchtbar zu machen.

Ethnologische Perspektiven

Prof. Dr. Günther Kronenbitter (Europäische Ethnologie, Universität Augsburg) – Heimat und Landschaft waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert – politisch aufgeladene und instrumentalisierbare – Fluchtpunkte der Volkskunde. Seit den 1970er Jahren wird Heimat, nicht zuletzt im Kontext der Ökologiebewegung, wieder neu als Feld kritischer Reflexion in den Blick genommen. Aus ethnologischer Sicht ist die Analyse des Konstruktionscharakters von Heimat (und Fremde), aber auch von Ländlichkeit (und Urbanität) von besonderem Interesse. Zugleich eröffnet die intensive Begleitung des Schreibprozesses aus räumlicher Distanz neue Perspektiven auf Fragen der kommunikativen Bedingungen literarischer Praxis. Für die Masterstudierenden der interdisziplinären Studiengänge Kunst- und Kulturgeschichte sowie Interdisziplinäre Europastudien mit kulturwissenschaftlichen Schwerpunkten bietet ein Hauptseminar, möglichst mit einer Vor-Ort-Komponente, sich mit diesen Aspekten in einem innovativen Projektseminar intensiv auseinanderzusetzen.

Natur, Heimat, Landschaft im Kontext

Prof. Dr. Klaus Wolf (Germanistik, Universität Augsburg) – Die von Roman Ehrlich gewählten Themen Natur, Heimat und Landschaft fügen sich durchaus in ältere literaturgeschichtliche Traditionen ein, welche mit sogenannter Mundartliteratur schon im 18. Jahrhundert gründen, im sogenannten Heimatroman um 1900 mit Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma oder Lena Christ einen auflagenstarken Höhepunkt erleben und bis hin zum kritischen Volksstück um 1970 mit Franz Xaver Kroetz, dem damals meistgespielten deutschsprachigen Dramenautor, immer wieder aufleben. Im Zeitalter der Globalisierung erfährt die literarische Regionalisierung überdies etwa in mundartlichen Poetry-Slams zur Zeit eine Renaissance. Dazu trägt auch die Digitalisierung bei, welche einerseits die Weltliteratur digital in die sogenannten Provinz bringen kann, andererseits aber regionale Literatur weltweit verbreiten kann, wofür das bundesweit einmalige Projekt „Digitaler Literaturatlas von Bayerisch Schwaben“ ein Beispiel abgibt. Die studentischen Erträge der als auf germanistischer Seite als Masterkolloquium/Masterhauptseminar geplanten Veranstaltung „Writing under Observation. Labor literarischen Schreibens“ sollen deshalb wiederum auf den Seiten des DigiLABS unter dem Ortseintrag „Irsee“ als Blog im WWW publiziert werden.

Obschon über den Vorgang des Schreibens in der Germanistik bereits viel nachgedacht wurde, möchte dieses Projekt, das an die universitäre Lehre gekoppelt ist – namentlich an das geplante LMU-Masterseminar „Unheimliche Romane. Gegenwartsliteratur unter Beobachtung. Zum Werk Roman Ehrlichs“und an ein gemeinsam von der Germanistik und der Europäischen Ethnologie an der Universität Augsburg konzipiertes Masterseminar –, Pionierarbeit leisten.